Was können wir als Zivilgesellschaft von der Ukraine lernen?

Eröffnungsrede von Annegret Wulff, 4. Vidnova Forum

Am 22. Februar 2026 veranstalteten wir unser 4. Vidnova Forum – ein Treffen in kleinem Kreis als Auftakt zum Café Kyiv – zum Thema „Vereint für Lösungen – wie inspiriert die Ukraine heute zum Engagement?“

Rund 70 zivilgesellschaftliche Akteure und Verbündete, die sich für die Ukraine und die Demokratie in Europa engagieren, kamen zusammen. Unsere Geschäftsführerin, Annegret Wulff, hielt eine inspirierende Eröffnungsrede, in der sie die wichtigen Lehren hervorhob, die wir noch immer aus dem Ukraine-Krieg ziehen, und erinnerte an den vierten Jahrestag. Lesen Sie die vollständige Rede unten.

Diese Veranstaltung wurde von Commit gGmbH in Zusammenarbeit mit Open Platform und der Allianz ukrainischer Organisationen organisiert und von der Robert Bosch Stiftung finanziert. und der Europäischen Union im Rahmen des Projekts Resilient Democracies.

Über das Café Kyiv:
Es begann im Jahr 2023 als eintägige Veranstaltung, die sich der Stärkung ukrainischer Stimmen, Perspektiven und Kultur widmete. Initiiert wurde sie von der Konrad-Adenauer-Stiftung und wird in Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen durchgeführt. Dabei werden politische Podiumsdiskussionen, Wissenschaft, kulturelle Mini-Veranstaltungen und Networking in einem ganztägigen Festivalformat kombiniert.

Foto: Olga Zarko

„Wir versammeln uns in einer Zeit, in der Begriffe wie Widerstandsfähigkeit, Solidarität und Zusammenarbeit häufig verwendet werden.“

Manchmal fast zu einfach.

Und doch, wenn wir die Ukraine betrachten, gewinnen diese Worte wieder an Bedeutung.

Sie werden real. Konkret. Erlebt.

Ich möchte eine zentrale Frage stellen:

Was können wir aus der Ukraine lernen – insbesondere als Zivilgesellschaft?

Nicht auf romantisierte Weise. Nicht durch Heldenerzählungen.
Aber durch eine ehrliche Selbstreflexion darüber, wozu Gesellschaften fähig sind, wenn sie beschließen, nicht aufzugeben.

Eine der wichtigsten Lehren aus der Ukraine ist diese:

Wenn ein Land und seine Institutionen brutal angegriffen werden und unter Druck geraten, wenn die Sicherheit fragil ist und Unsicherheit zur täglichen Realität wird – dann ist es oft die Zivilgesellschaft, die den Zusammenhalt aufrechterhält.

Lokale Initiativen organisieren Unterstützung.
Journalisten verteidigen die Wahrheit.
Kulturelle Akteure bewahren die Identität.
Freiwillige koordinieren die Logistik in einem Tempo, das viele staatliche Systeme vor Herausforderungen stellen würde.
Gemeinschaften kümmern sich umeinander – ganz praktisch, nicht nur rhetorisch.

Das ist kein Heldentum. Das ist Verantwortung, die ernst genommen wird.

Die Ukraine erinnert uns daran, dass Demokratie nicht existiert, weil sie in einer Verfassung steht. Sie existiert, weil die Menschen gemäß ihrem Namen handeln.

Und das ist eine wichtige Mahnung für uns alle in Europa.

Demokratie ist nicht selbsterhaltend.
Solidarität entsteht nicht automatisch.
Freiheit ist nicht garantiert.

Sie werden aufrechterhalten – von unten nach oben.

Foto: Olga Zarko

Welche Stärke liegt in den von unten nach oben gerichteten Strukturen?

In Krisenzeiten besteht die Tendenz, nur auf Regierungen, militärische Kapazitäten und Verhandlungen auf höchster Ebene zu blicken.

Doch die Ukraine zeigt uns, dass gesellschaftliche Stärke strategische Stärke ist.

Wenn Bürger einander vertrauen.
Wenn Netzwerke funktionieren.
Wenn sich Gemeinschaften selbst organisieren.
Wenn Menschen sich für die Zukunft ihres Landes verantwortlich fühlen.

Von unten nach oben aufgebaute Strukturen können enormem Druck standhalten. Sie können sich schnell anpassen. Sie können auch unter beengten Verhältnissen innovativ sein.

Und das sollte uns zu folgender Frage führen:

Wie widerstandsfähig sind unsere Gesellschaften?
Wie gut sind unsere Gemeinschaften vernetzt?
Wie gut sind wir darauf vorbereitet zu handeln – und nicht nur zu kommentieren?

Warum ist internationale Zusammenarbeit heute wichtiger denn je?

Eine weitere Lektion ist die gegenseitige Abhängigkeit.

Der Kampf der Ukraine ist kein Einzelfall.
Dieser Krieg ist ein Angriff auf uns alle.
Seine Zukunft ist nicht nur nationaler Natur.
Es ist zutiefst europäisch.

Und damit auch die Verantwortung.

Internationale Zusammenarbeit ist kein Akt der Wohltätigkeit. Sie ist Ausdruck gemeinsamer Interessen und gemeinsamer Werte.

Wenn zivilgesellschaftliche Akteure grenzüberschreitend zusammenarbeiten, geschehen drei Dinge:

Wir stärken den Wissensaustausch.
Wir schaffen Vertrauen jenseits politischer Zyklen.
Wir bauen langfristige Partnerschaften auf, die auch die Schlagzeilen überdauern.

Die länderübergreifende Zusammenarbeit ermöglicht es uns, der Illusion zu entgehen, dass wir komplexe Herausforderungen allein bewältigen können.

Es erinnert uns auch daran, dass Solidarität nicht nur symbolisch ist.

Es ist praktisch.

Es bedeutet, präsent zu sein.
Es bedeutet Zuhören.
Das bedeutet, unsere eigenen Annahmen anzupassen.
Es bedeutet, engagiert zu bleiben, auch wenn sich die Aufmerksamkeit woandershin verlagert.

Es geht um Solidarität – ohne Heldenverehrung.

Foto: Olga Zarko

Wenn wir über die Ukraine sprechen, müssen wir vorsichtig sein.

Es besteht die Gefahr, Resilienz zu einer romantischen Erzählung zu verklären. Doch Resilienz entsteht oft aus Notwendigkeit, nicht aus freier Wahl.

Solidarität sollte daher nicht Bewunderung aus der Ferne bedeuten.

Es sollte eine Partnerschaft auf Augenhöhe bedeuten.

Sich mit der Ukraine zu solidarisieren bedeutet:

Ukrainische Stimmen ernst nehmen.
Engagement für eine langfristige Zusammenarbeit.
Unterstützung zivilgesellschaftlicher Infrastrukturen.
In der Erkenntnis, dass Wiederaufbau nicht nur physischer, sondern auch gesellschaftlicher Natur ist.

Und es bedeutet auch, über unsere Verantwortung nachzudenken.

Welche Art von Europa wollen wir gemeinsam aufbauen?
Welche Art von demokratischer Kultur wollen wir verteidigen?

Dies führt mich zu einer letzten Überlegung:

Wie sehr kann die Gesellschaft tatsächlich von unten nach oben gestaltet und aufrechterhalten werden?

Die ehrliche und einfache Antwort lautet:
Eine Menge – aber nicht allein.

Die Zivilgesellschaft kann mobilisieren.
Innovieren.
Erzeugen Sie Druck.
Vernetzen Sie Menschen über Abteilungen hinweg.
Demokratische Normen schützen.

Aber es braucht auch Platz.
Es benötigt Ressourcen.
Es benötigt politische Rahmenbedingungen, die es ihm ermöglichen, frei zu agieren.

Die Lehre aus der Ukraine ist nicht, dass die Zivilgesellschaft den Staat ersetzt.
Die Lehre daraus ist, dass starke Gesellschaften und funktionierende Institutionen sich gegenseitig stärken müssen.

Die von unten kommende Energie und die von oben kommende Verantwortung müssen aufeinander abgestimmt sein.

Diese Angleichung ist etwas, woran wir aktiv arbeiten müssen – in Deutschland, in der Ukraine und in ganz Europa.

Als Commit sind wir genau in diesem Bereich tätig.

Wir glauben an die Kraft des bürgerschaftlichen Engagements.
Wir glauben an grenzüberschreitende Zusammenarbeit.
Wir glauben, dass Netzwerke wichtig sind.

Und wir glauben, dass europäische Solidarität gelebt und nicht nur verkündet werden muss.

Die eigentliche Frage ist nicht nur, was wir von der Ukraine lernen. Die eigentliche Frage ist:

Was fangen wir mit diesen Erkenntnissen an?

Wie können wir unsere Partnerschaften stärken?
Wie schaffen wir nachhaltige Kooperationsformate?
Wie können wir sicherstellen, dass die Zivilgesellschaft in Zeiten der Unsicherheit eine stabilisierende Kraft bleibt?

Die Ukraine lehrt uns, dass die Gesellschaft eine wichtige Rolle spielt.
Dass bürgerlicher Mut zählt.
Diese Zusammenarbeit ist wichtig.

Nicht weil es inspirierend klingt, sondern weil es sich als unerlässlich erweist.

Lasst uns diesen Moment nicht nur nutzen, um Solidarität zu bekunden, sondern auch, um die Zusammenarbeit zu vertiefen. Lasst uns heute an der Seite der Ukraine stehen und gemeinsam ein Europa aufbauen, das widerstandsfähig, demokratisch und von unten nach oben vernetzt ist.“

Foto: Olga Zarko
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